Gastveranstaltung 27.06.07
Aus MultimediaWiki
Gastveranstaltung in Second Life – Virtueller versus realer Raum
Am 27. Juni um 11:00 Uhr füllte sich in Second Life der virtuelle Hörsaal der Rheinischen Fachhochschule Köln. Ein Artikel über die Präsenz der virtuellen RFH in Second Life hatte die Studierenden des Hauptseminars „Mediale und mentale Raumkonstruktionen“ (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) auf die Idee gebracht, zum Thema „Virtuelle Raumkonstruktionen in Second Life“ eine Seminarsitzung in Second Life zu verlegen, um dabei herauszufinden, ob der virtuelle Raum tatsächlich eine gleichwertige Alternative zum realen Raum bieten kann. Die aufwendigen Vorbereitungen hatten bereits im Vorfeld den einen und anderen Second-Life-Bewohner auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht, und so stellte ich mit Freude fest, dass sich im Hörsaal auch einige Gäste unter die Studierenden gemischt hatten.
Eine Viertelstunde später: Funaria Moose, die SL-Architektin der RFH, gab letzte Hilfestellung zu technischen Fragen. Seminarleiter Prof. Dr. Peter Matussek begrüßte per Audiostream die Teilnehmer und erläuterte den Veranstaltungsablauf, der in zwei Teile aufgeteilt werden sollte: der erste Teil würde aus einem Referat per Audiostream bestehen. Der zweite Teil war für die an das Referat anschließende Diskussion vorbehalten, wobei die Moderatoren weiterhin per Audiostream kommunizieren konnten und sich die restlichen Seminarteilnehmer per Chat-Funktion beteiligen sollten. Damit während der Diskussion die Übersicht nicht verloren zu gehen drohte, wurde auf dem Podium ein „Redestuhl“ eingerichtet: so konnte jeweils der worthabende Sprecher dort Platz nehmen, um zusätzlich visuell auf sich aufmerksam zu machen. Dann fiel der Startschuss.
Die Referentinnen Frau Hartmann und Frau Jansen übernahmen das Mikro. Der Audiostream blieb stabil, ebenso die Second-Life-Welt und die Clients selbst – Idealvoraussetzungen für die reibungslose Abwicklung des Referats. Die Moderation der Diskussion übernahm wieder Herr Matussek. Jetzt geriet das Organisations-Team unter Druck: es galt, den Chat im Auge zu behalten, möglichst keine Meldung zu übersehen und den Audiostream mit dem Chatstream synchron zu halten. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass diese Phase Herrn Matussek mit Sicherheit mehr Stress verursacht hat als alle anderen bisher in diesem Semester absolvierten Sitzungen zusammen genommen. Aber es hat funktioniert, und am Ende zählt das, was herauskommt: eine gelungene reale Seminarsitzung in einem virtuellen Raum.
Die Impressionen der Teilnehmer deckten die Bewertungsskala komplett ab: von „ungewohnt und Konzentrationsschwierigkeiten“ bis hin zu „gemütlich und aufmerksamkeitsfördernde Ruhe“. Persönlich fand ich es angenehm, keinem Geflüster, Tastaturgeklicke oder nervösem Gezappel ausgesetzt gewesen zu sein, kann mir jedoch gut vorstellen, dass einigen Studierenden die sozialen Komponenten eines Treffens im realen Raum wichtiger sind. Da die Studierenden, die bereits mit Second Life vertraut waren, die Online-Sitzung durchweg als positiv einstuften, glaube ich weniger, dass der tatsächliche Grund für die berichteten Konzentrationsschwierigkeiten der virtuelle Raum an sich war, sondern vielmehr der ungewohnte Aufenthalt in Second Life und die fehlende Geübtheit im Umgang mit der Second-Life-Software. Ich würde sogar einen Schritt weitergehen: der virtuelle Raum vermag womöglich ein durchaus angenehmeres Gefühl zu vermitteln als so manch realer Hörsaal. Dieser nicht unwichtige Aspekt der Schaffung eines Räumlichkeitsgefühls findet sich nicht bei herkömmlicher Konferenzsoftware (beispielsweise Netmeeting) wieder und könnte die Frage beantworten, warum eine Online-Veranstaltung vorzugsweise in Second-Life in einem virtuellen Hörsaal stattfinden sollte.
Ich möchte nicht darauf hinaus, dass der virtuelle Hörsaal von nun an dauerhaft den Realen ersetzen kann oder soll. Diese Online-Sitzung hat jedoch gezeigt, dass auch in einem virtuellen Raum problemlos ein Seminar veranstaltet werden kann, dafür jedoch eine gute Kenntnis der entsprechenden Client-Software seitens der Teilnehmer Voraussetzung ist. Aus dieser Anwendbarkeit des virtuelles Raumes ergibt sich sein wirklicher Vorteil gegenüber dem realen Raum: er bietet vor allem Personen, die durch real vorhandene Grenzen und Distanzen getrennt sind, eine praktikable Plattform für ein Online-Seminar.
Mit einem unsinnigen Computerspiel, wie so manch einer noch zynisch bemerken mag, hat Second Life in diesem Fall nicht mehr viel gemeinsam.
Ein besonderer Dank gilt Herrn Schmitz und seinem Team der Rheinischen Fachhochschule Köln für die unkomplizierte Bereitstellung ihres mühevoll eingerichteten virtuellen Hörsaales und tatkräftige Unterstützung bei den vielen neuen Second-Life-Geburten. Ebenso möchte ich das Team der Germanistik-Abteilung IV, Bereich Schriftlichkeit, der Heinrich-Heine-Universität nicht unerwähnt lassen, dessen reibungslose Zusammenarbeit hinter den Kulissen dieses Probe-Online-Seminar überhaupt erst ermöglicht hat.
In Kürze wird über dieses Seminar eine Videodokumentation verfügbar sein.
Alexander Mainzer

